Eine Auswahl von Mythen, Märchen, Sagen und Legenden rund um Wasser und Meer
 

 

AUF STÖRTEBEKERS SPUREN

Störtebeker un Gödeke Micheel,
de roveden beide to gliken Deel
to Water un nich to Lande;
bit dat et Gott im Himmel verdroot,
do mußten se lieden groot Schande.

Störtebeker sprook: »Alltohand!
De Westsee is uns wohlbekannt,
dahin wölln wi nu fahren.
De riken Koplüd von Hamburg,
mögt jem ehr Scheep nu wahren.«

De Bunte Kuh ut Flandern kam,
dat Roov-Schipp up de Hörner nahm
un stött et wiß in Stücken.
Dat Volk se broggen na Hamburg up,
da müssen se 'n Kopp all missen.

De Vrone, de heet Rosenfeld,
haut aff so manken wilden Held
den Kopp mit kühlem Moote.
He hedde angeschnöörte Schoh,
bit an sien Enkel stunn he in Bloote.

Das alte Lied, bald nach dem Tod Störtebekers und seiner Likedeeler entstanden, ist an Ost- und Nordsee bis in unsere Zeit hinein lebendiges Volksgut, ebenso wie ein bunter und reicher Sagenkranz, mit dem die Menschen an der Küste Klaus Störtebeker umgeben haben, seine Herkunft, seinen Aufstieg, seine Kämpfe und Siege, sein heldenmütiges Ende und immer wieder seine Hilfsbereitschaft den Armen gegenüber. Mochten die Herrschenden ihn verleumden, er war und blieb des Volkes Held und Liebling, und es heißt von ihm: »Störtebeker, dat was'n feiner Kerl. Arm Lüd hett he wat gewen, riek Lüd wat nahmen.« Von seinem kämpferischen Leben, das in Kubas Störtebeker-Ballade eine dichterische Gestaltung erfahren hat, sind am Ostseestrand noch viele Spuren erhalten. Auf Usedom ist besonders die Störtebeker-Schlucht bei Heringsdorf bekannt, doch lagen seine Schlupfwinkel auch bei Zinnowitz und am Streckelsberg. Auf Rügen war ihre Zahl noch weit größer, wo die mannigfach zergliederte und zerlappte Küste sicheren Unterschlupf gewährte: angefangen von der Höhle im Zickerschen Höft auf Mönchgut, von der ein unterirdischer Gang bis unter die Häuser von Groß-Zicker führte, über den Hafen am Steinbach und die Piratenschlucht bei Saßnitz, den »Sattel« auf dem Hengst, den Schloßberg bei Werder, die Herthaburg, die Störtebeker-Höhlen zwischen den Kreidefelsen von Stubbenkammer und bei der Swantewitschlucht auf Hiddensee, die Bullerhürn am Wieker Bodden, die Burg von Ralow an der westrügenschen Küsten, den Burgwall von Venz, den Hafen von Ralswiek und den nahen Schloßberg, den Burgwall von Streu und die Anlegestelle bei Kiekut am Kleinen Jasmunder Bodden bis zur Kemlade bei Prosnitz und dem Burgwall von Zudar im Süden Rügens.

Unweit des letztgenannten Schlupfwinkels liegt in der Maltziener Wiek die kleine Insel Tollow. Dort soll Störtebeker begraben sein. Der Leichnam ruht in einem goldenen Sarg, und der ist an eine goldene Kette geschlossen, deren Ende dicht unter der Erdoberfläche verborgen ist, so daß man die Stelle auffinden kann, doch sind alle Versuche, danach zu graben, ohne Erfolg geblieben. Nur einem Fischer in einer der umliegenden Ortschaften ist sie bekannt. Er ist aber verpflichtet, das Geheimnis kurz vor seinem Tode einem anderen Fischer aus dieser Gegend anzuvertrauen, damit sie immer ein Lebender kennt. Auch mitten in der Stubnitz wird eine Waldlichtung am Oberlauf des Kieler Baches als Störtebekers Grab angegeben, und schließlich soll der Seeheld, als er einmal im Burgwall von Klein-Carow bei Samtens Unterschlupf fand, im Carower See ertrunken sein.

Nicht weniger als zwölf Dörfer und Städte in Mecklenburg, Hannover und Friesland geben an, Störtebekers Geburtsort zu sein, doch nimmt man heute allgemein an, daß er ein Bauernsohn aus Ruschwitz auf Rügen war. Dort soll er auf dem Hof als Knecht gedient haben und später entlaufen sein, da er es nicht ertrug, sich Tag für Tag der Fron zu beugen. Im Jahre 1840 stießen Arbeiter beim Umackern einer wüsten Stelle auf die Grundmauern eines Hauses und erzählten dann, sie hätten immer gehört, daß dort einst Störtebekers Eltern gewohnt hätten.

Von seinem Freund Gödeke Michael wird gewöhnlich berichtet, er sei aus Michaelisdorf bei Barth gebürtig gewesen, doch wird auch überliefert, er sei in dem Dorf Swente dicht bei Ruschwitz geboren worden, das später von dem dortigen Junker gelegt wurde und an das noch der Name einer Bootsanlegestelle, Swentekahs, erinnert.

Einst kamen Störtebeker und Gödeke Michael durch das kleine Dorf Hagen in der Stubnitz und sahen einen Alten traurig vor seiner Haustür sitzen. Er klagte, er sei zu arm und könne nicht länger den Mietzins zahlen, worauf ihm Störtebeker riet, er solle sich sogleich aus der Uferschlucht von Stubbenkammer einen Schiffsmast holen und ihn zersägen. Als der Alte das auch tat, rollten ihm aus dem Mast, der inwendig hohl war, eine ganze Reihe blanker, schwerer Goldstücke entgegen. Voll Freude, daß sie nun vor jeglicher Willkür geborgen waren, rief er seine Frau herbei, und die meinte nachdenklich: »Du, ick glöw, dat is Klaus Störtebeker wäst!«

Dann trafen sie in Hagen eine Frau, die auch vor ihrer Kate saß und weinte, da sie kein Stück Zeug mehr fand, um die zerschlissene Hose ihres Mannes zu flicken. Etwas kaufen, daran war bei ihrer Armut nicht zu denken. Störtebeker warf ihr einen Lappen guten Tuches in den Schoß, und als sie ihn umwandte, klebten lauter Goldstücke daran. Auch in Bobbin half Störtebeker einer armen Witwe mit Geld, damit sie weiterhin in ihrem Häuschen wohnen konnte.

Eines Nachts war der Lotse und Fischer Tietz Dumrath aus Lobbe beim Fischen vor der Mönchguter Küste, als vor ihm ein riesiges Schiff auftauchte und ihn ein dröhnender Baß an Bord befahl. Nun, Tietz Dumrath war kein Mann von Furcht und kletterte die Bordwand hoch. Ein bärtiger Hüne übergab ihm das Steuer und sagte kurz: »Bring uns nach dem Sund!«

Der Lotse warf schnell noch einen Blick auf den kraftstrotzenden Kapitän, ehe er das Ruder ergriff; ihm war da eine Ahnung gekommen. Dann mußte er seine sieben Sinne gehörig beisammenhalten, um das schwere Schiff sicher durch den Greifswalder Bodden mit seinen vielen Untiefen zu bringen. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, als sie endlich an der Südspitze Rügens die Einfahrt in den Sund erreichten. Da löste ihn der Bärtige ab mit den Worten: »Geh und schlaf dich aus!«

Kaum war aber der Lotse unter Deck, als es in der Luft gewaltig zu sausen und zu brausen anhob. Dann rief es: »Kierl, holl aw, wi segeln süst de Nikolaikark in Grunn un Boden!«
Der Anker sauste rasselnd in die Tiefe, der Lotse sprang nach oben - da lag die Bark doch wirklich schon fest und wohlvertäut im Hafen von Stralsund. Nachdem der Riese mit dem feuerroten Bart ihn reichlich entlohnt hatte, ging Tietz Dumrath von Bord. Nun stand es für ihn außer Zweifel, denn so fahren, das konnte nur einer, der berühmte Klaus Störtebeker, und er hatte ihm Lotsendienste geleistet! Vielleicht fuhr Störtebeker von Stralsund aus weiter zur Hertesburg am Prerowstrom, der damals hart östlich von ihr in breiter Verbindung mit der Ostsee stand, so daß die Burg leicht zu erreichen war und ausgezeichneten Unterschlupf bot. Dort saß zwar ein herzoglicher Vogt als Zolleinnehmer, doch der war ihm wohlgesonnen. Später mußte er das mit dem Leben bezahlen, denn es heißt, die Lübecker, deren reiche Kaufmannsschiffe Störtebekers Beute geworden waren, hätten »dat oll Slat« belagert, sodann eingenommen und zerstört und die Besatzung erschlagen, und ihr Lager auf der Darßer Seite heißt bis heute »Lübker Ort«.

Bei Ahrenshoop soll Störtebeker eine Brücke ins Meer hinaus gebaut haben, und eine Stelle im Permien, der flachen Bucht bei Wustrow, heißt »Störtebekers Hafen«. Westlich davon, bei der schmalsten Stelle des Fischlands, mündete einst die Recknitz ins Meer, das war »Störtebekers Deep«, und in Wustrow selbst führt eine Anhöhe noch den Namen »Störtebekers Utkiek«. Ein guter Ausguck der Likedeeler war auch der Damgartener Jaromarsturrn, während der nahe Burgwall von Pantlitz ihnen Unterschlupf gewährte. Im Hafen von Ribnitz lagen ihre Schiffe, und Störtebeker ließ einen unterirdischen Gang von der Klosterkirche bis zum Rostocker Tor ausheben. Bei Gefahr fuhr er die Recknitz ein ganzes Stück stromauf zum Burgwall von Schulenburg zwischen Marlow und Sülze und zum Röwerbarg von Liepen bei Tessin. Bis ins Trebeltal gelangte er, zum Schloßberg bei Wasdow unweit von Gnoien und zur gegenüberliegenden Burg von Nehringen mit dem mächtigen alten Fangelturm.

Einmal fiel Störtebekers Flotte im Ribnitzer Hafen jedoch durch Heimtücke den Stralsundern in die Hände. Als diese den Überfall vorbereiteten, fanden sie in Ribnitz in dem Seemann Witt ein williges Werkzeug. Nachts fuhr er mit seinem Boot unbemerkt von Schiff zu Schiff und goß mit heißem Blei die Ruderösen aus, so daß die Flotte manövrierunfähig war. Störtebeker und seine Getreuen bemerkten den Verrat rechtzeitig und gingen über die Ribnitzer Stadtwiesen auf und davon.

Ein andermal fuhren sie den Körkwitzer Bach hinauf, der damals breiter war, wie man noch an dem Wiesental sehen kann, bis zum Wallberg bei Gelbensande und schlugen dort, mitten im Wald, ihr Lager auf. Ein bevorzugter Unterschlupf war der Moorhof im Westen der Rostocker Heide, damals noch unmittelbar an der See gelegen, und der Ausguck war die Hohe Düne bei Warnernünde. Als die Likedeeler warnow-aufwärts Schutz suchten, kamen sie auf dem Kösterbecker Bach zum Schloßberg bei Freesendorf. Auch im Walkmöllerholt östlich von Doberan und am Fulgenbach beim einstigen Brunshaupten fanden sie Zuflucht, ebenso im Schloßberg von Alt Gaarz, dem heutigen Rerik. Weitere Schlupfwinkel lagen am Salzhaff, an der einst viel größeren Insel Walfisch in der Wismarer Bucht und am Breitling, zwischen dem Festland und der Insel PoeI.

An der Lübecker Bucht setzt sich die Kette ihrer Zufluchtsstätten fort: der Deipsee bei Dassow, zwischen Wieschendorf und Harkensee gelegen, und jenseits der Trave Häven am Hemmelsdorfer See, einer früheren Ostseebucht, wo einst Störtebekers Turm stand und noch heute die Räuberkuhle im Braaschholz an jene Zeit erinnert. Zwischen Gronenberg und Haffkrug liegt die Störtebai, und nicht weit davon im Wald erhob sich Störtebekers Burg, vor hundert Jahren fand man noch Reste davon. Bei Großenbrode am Fehmarnsund gibt es eine Störtebeker-Laube, und gegenüber, auf der Insel Fehmarn, bot die Feste Glambeck guten Schutz. Die Schiffe lagen dann im Burger Binnensee vor Anker oder an der Presener Niederung bei Bannesdorf im Nordosten der Insel.

An der Hohwachter Bucht, bei Putlos am alten Oldenburger Graben, führte von dem stark befestigten Schloß ein langer unterirdischer gepflasterter Laufgraben bis ans Steilufer und bei einem Gehölz, dem Weinberg, an den Strand hinunter. Daher kennt man im Land Oldenburg noch die Redensart: »Du kümmst to Lant in'n Wienbarg.« Von Schloß Putlos konnte man den Papiermühlenhügel bei Neu-Testorf und Rolübbe sehen, und der Müller vermittelte die Verständigung mit Mönch-Neversdorf, dessen Besitzer ein Freund und Kampfgefährte von Klaus Störtebeker war. Bei Tage zog der Müller farbige Flaggen auf, bei Nacht ließ er Laternen leuchten.

Zu Schmoel an der Kieler Bucht stand hinter dem Schloßgarten Störtebekers Wartturm auf einem Erdhügel, der von einem breiten Graben umgeben war. Schließlich sagt man, daß dem berühmten Helden einst auch Schloß Bülk an der Einfahrt zum Kieler Hafen gehörte. Dort ganz in der Nähe stand ebenfalls ein Wartturm, auf einem hohen, mit Bäumen bestandenen und von Gräben umgebenen Berg, und diesen nennen die Leute noch immer die Störtebeker-Insel.

Quelle: Sagen vom Ostseestrand

 

Aus Hamburgs Geschichte

Im März 1401 stellte man Störtebeker kurz vor Helgoland. Der stellte sich sofort dem Kampf und ging mit seinen Schiffen in den Angriff über. Der Kampf dauerte den ganzen Tag und hätte man Störtebeker nicht wie ein Fisch mit dem Netz gefangen, so hätte er sicherlich bis zum letzten weiter gekämpft.
Dieses heroische Handeln war wohl mit ein Grund, warum sich so viele Sagen um Klaus Störtebeker ranken. Angeblich soll er sogar nach seiner Enthauptung noch an 11 seiner Männer vorbeigelaufen sein, bis ihm der Henker ein Bein stellte.

Am 21. Oktober 1401 wurde Klaus Störtebeker samt 71 Kumpanen auf dem Grasbrook in Hamburg geköpft. Später wurden ihre Köpfe auf Pfähle gespießt und an der Elbe als Abschreckung aufgereiht. Nur ein Jahr später fing man Gödeke Michels, der zusammen mit 80 Kumpanen ebenfalls auf dem Grasbrook in Hamburg geköpft wurde.

Störtebeker und Michels gehörten zu der Gruppe von Freibeutern, die im Krieg gegen Dänemark im Auftrag der Deutschen dänische Schiffe kaperten und belagerte Städte mit Nahrung versorgten. Nach Ende des Krieges 1395 wollten jedoch viele Freibeuter ihr einträgliches Gewerbe nicht aufgeben und so machten sie kurzerhand die ganze Welt zu ihrem Feind.

Quelle: Textpassagen aus Hamburgs Geschichte. Mit freundlicher Genehmigung von www.hamburgs-geschichte.de

 

Was sagt das Lexikon?

Störtebeker, Klaus, hingerichtet 1401, Anführer der Vitalienbrüder seit 1394; lebte in der Vorstellung des Volkes weiter als Beschützer der Unterdrückten und Ausgebeuteten.

Quelle: BI Elementar/ Lexikon ( Bibliographisches Institut Leipzig, 1985)

Störtebeker, Klaus (gestorben 1400/1401), deutscher Freibeuter, der vermutlich aus Wismar stammte und mit Godeke Michels Anführer der Vitalienbrüder war. König Albrecht von Schweden setzte die Freibeutertruppe unter Störtebeker von 1387 bis 1389 in seinem Kampf gegen Königin Margarethe I. von Dänemark ein. Nach Beendigung des Konflikts weiteten die Vitalienbrüder ihre Kaperfahrten gegen alle auf der Ostsee fahrenden Schiffe aus. Vor allem aber hatten sie es auf die Hanse abgesehen, die sie jedoch mit Unterstützung einer Flotte des Deutschen Ordens 1398 aus der Ostsee in die Nordsee vertrieb. 1400 bzw. 1401 wurde die Seeräuberflotte vor Helgoland und auf der Weser vernichtend geschlagen. Störtebeker wurde gefangen genommen und am 21. Oktober mit seinen Gefolgsleuten in Hamburg hingerichtet.

 

Quelle: Microsoft-Encarta (1999)